Interview: Vorteile antimikrobieller Wundverbände
Silberhaltige Wundverbände gelten heute insbesondere bei chronischen infizierten oder infektionsgefährdeten Wunden als Standard in der Wundversorgung. Seit Oktober 2022 sind diese antimikrobiell wirkenden, silberhaltigen Wundversorgungsprodukte in die Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) wieder aufgenommen – und damit von den Krankenkassen erstattungsfähig, limitiert auf infizierte und kritisch kolonisierte Wunden.
Welche Vorteile die innovativen Wundverbände bei der Behandlung bieten, erläutert Experte PD Dr. med. Dieter Mayer, Facharzt für Chirurgie und Gefässchirurgie.
Herr Dr. Mayer, haben Sie es begrüsst, dass silberhaltige Wundverbände wieder in die MiGeL aufgenommen und somit erstattungsfähig sind?
Ja, es ist gut, dass die Produktkategorien antimikrobielle und silberhaltige Wundverbände jetzt auch im ambulanten Setting für die Pflege und Selbstanwendung eindeutig vergütet sind. Denn andernfalls wäre die Gefahr sehr gross, dass Patientinnen und Patienten diese selbst zahlen oder sie öfter ins Spital müssten. Es birgt auch ein beträchtliches Risiko, wenn diese Anwendungen auf andere Weise kompensiert werden müssten oder sie gar nicht angewendet werden würden.
Welche Bedeutung haben die antimikrobiellen Verbände für die Behandlung?
Um es einmal auf die Silberprodukte zu begrenzen: Diese sind seit Jahrzehnten auf dem Markt und fester Bestandteil der gängigen Behandlung. Silberionen als Komponente wirken antiseptisch. Es handelt sich dabei um einen Standard für die Behandlung von feuchten Wunden mit einer nachgewiesenen oder potenziell pathologischen Keimbesiedelung. Zudem gibt es spezielle antimikrobielle, silberhaltige Wundauflagen mit erweiterter Wirkung (z.B: Aquacel® Ag+ Extra), die neben Bakterien auch Biofilm als unsichtbaren Feind in chronischen Wunden durchbrechen und zerstören.
Wichtig ist auch, dass die antimikrobiellen Wundverbände im Gegensatz zu (antiseptischen) Spüllösungen eine Langzeitwirkung haben, also nicht nur für ein paar Minuten bzw. eine stark begrenzte Zeit wirken, sondern bis zum nächsten Verbandswechsel nach mehreren Tagen.
Wie sind Behandlungserfolge mit silberhaltigen Wundauflagen zu erreichen?
Am Anfang steht immer die richtige Diagnostik. Es ist nicht die Wundauflage, die den Patienten heilt, sondern es ist die richtige Diagnose, die auch die Ursachenbehandlung mit einschliesst, beispielsweise eine Durchblutungsstörung oder Diabetes. Danach helfen und unterstützen die richtigen Wundauflagen die Heilung. Es geht dabei also um die richtige Indikation und Anwendung mit professionellem Wissen – und mit System. Das heisst, es gibt klar definierte Zeitpunkte für den Beginn und das Ende der Anwendung sowie klar gesetzte Ziele.
Für die richtige Anwendung antimikrobieller Wundverbände ist der Nachweis der Keimbelastung durch einen Abstrich oder besser noch eine Biopsie nötig. Bei einem indikationsbezogenen und gezielten Einsatz zeigen Silberauflagen in spezifischen kontrolliert randomisierten Studien jedoch auch bei postoperativen Hochrisikowunden signifikant weniger Infektionen. Bei einer nachgewiesenen Infektion sollte nach zwei, spätestens drei Wochen ein Erfolg bei der Keimreduktion zu sehen sein. Dann kann es weitergehen. Sobald keine Besiedelung mehr nachweisbar ist, muss man zu einem Abschluss kommen beziehungsweise man kann die Therapie entsprechend anpassen und auf nicht silberhaltige Produkte umsteigen.
Selbstverständlich müssen bei Vorhandensein systemischer Infektzeichen zusätzlich Antibiotika resistenzgerecht verabreicht werden.
Wie ist eine durchgängige und systematische Anwendung zu gewährleisten?
Wichtig ist, dass durchgängig indikationsbezogen gearbeitet wird. Wenn es eine Indikation für eine antimikrobielle Wundauflage gibt, dann gilt dies im Spital und auch extern für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie die Pflege. Es ist wichtig, dass nicht jede Disziplin nur auf ihre Sache schaut. Es gab vor der Aufnahme der silberhaltigen Verbände in die MiGeL manchmal einen Wechsel der Auflagen extern, ohne Rücksprache mit dem Spital bzw. dem verordnenden Arzt. Das lag auch an der Unsicherheit bei der Vergütung. Das ist für die medizinische Behandlung und die Wundheilung natürlich fatal.
Wie lässt sich so etwas vermeiden?
Ich glaube, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um für silberhaltige Wundversorgungsprodukte den Reset-Knopf zu drücken. Strikt indikationsbezogen zeigen spezielle Wundverbände wie Aquacel® Ag+ Extra evidenzbasiert signifikant einen Nutzen bei der Keimreduzierung und Bekämpfung von Biofilm. Silber generell in Frage zu stellen, ist daher nicht nachvollziehbar. Es kursieren einige Mythen in Bezug auf silberhaltige Produkte, welche aber alle nicht belegt sind.
Der Verweis auf häufige Allergien ist beispielsweise nicht stichhaltig, mir ist in 30 Jahren keine allergische Reaktion auf Silberprodukte bekannt geworden. Ebenso hat der Verdacht auf eine Zytotoxizität und damit einhergehende Hemmung des Zellwachstums keine klinische Bedeutung. Vielmehr konnte in Studien gezeigt werden, dass silberhaltige Wundauflagen signifikant die Wundflächenreduktion schwerheilender, chronischer Wunden verbessern. Das gleiche gilt für Resistenzen: Auch diese haben keine klinische Bedeutung, wenn man die Produkte richtig einsetzt, also wenn sie fachgerecht, zielgerichtet und zeitbeschränkt angewendet werden.
Was ändert sich durch die Erstattungsfähigkeit für Ärztinnen und Ärzte und die Pflege?
Es eröffnet die Möglichkeit, jetzt unkompliziert indikationsgerecht Silberprodukte zu verschreiben und eben auch die Kontinuität der Behandlung von Fachpersonen – Ärztinnen und Ärzte sowie der Pflege – zu gewährleisten, vom Spital zum Kompetenzzentrum, bis hin zur Hausarztpraxis, zum ambulanten Wundambulatorium und zur Pflegeeinrichtung. Man hat eine bewährte und hochwirksame Produktkategorie mehr zur Hand für eine spezielle Wundbehandlung und muss nicht auf häufig zeitintensivere Alternativen ausweichen, beispielsweise durch häufigere Verbandwechsel. Das entlastet am Ende die Spitäler, Wundambulatorien, Pflegeeinrichtungen sowie Hausärzte und -ärztinnen.
Was ändert sich für Patientinnen und Patienten?
Auch für sie ist die Kontinuität der indikationsbezogenen Behandlung gewährleistet. Die Patientinnen und Patienten kommen nicht ins Spital zurück mit einer völlig anderen Wundversorgung. Es taucht gar nicht erst das Problem auf, ob dieses notwendige Verbandmaterialvergütet oder aus der eigenen Tasche bezahlt wird. Das ist auch gewonnene Zeit, um sich mit der eigentlichen Behandlung zu beschäftigen. Letztlich ist durch die Aufnahme in die MiGeL eindeutig, dass diese Produkte wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind.
Ausserdem müssen die Verbände seltener gewechselt werden. Das bedeutet weniger Wege in Praxen sowie Versorgungseinrichtungen und auch weniger Schmerzbelastung für die Patientinnen und Patienten beim Verbandwechsel.
Werden silberhaltige Wundverbände in der Praxis ausreichend angewendet?
Vermutlich ist durch die umfangreichen Änderungen in der MiGeL etwas untergegangen, dass silberhaltige Wundverbände jetzt erstattungsfähig sind. Ich denke, dass bei deren Anwendung der Professionalismus unterstützt werden könnte, indem man gute Guidelines als Werkzeug für Hausärztinnen und -ärzte zur Verfügung stellt. Anderenfalls sehe ich die Gefahr, dass bewährte antimikrobielle Produkte ausgeschlossen werden, die gut wirksam sind.
Herr Dr. Mayer, vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
PD Dr. med. Dieter Mayer ist Facharzt für Chirurgie und Gefässchirurgie. Er ist ein national und international anerkannter Fachexperte für komplexe und nichtheilende Wunden. Am Kantonsspital Freiburg war PD Dr. Mayer bis vor kurzem Leiter der Gefässchirurgie und des von ihm neu gegründeten Wundzentrums. Zuvor war er während 16 Jahren stellvertretender Leiter der Gefässchirurgie des Universitätsspitals Zürich und gründete das erste interdisziplinäre und transprofessionelle universitäre Wundzentrum der Schweiz. Aktuell plant PD Dr. Mayer den Aufbau eines ambulanten „Advanced Center of Wound Healing“.
(Stand: Mai 2023)
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